Mika und Ostwind, Penny und ich.

Die häufigste Frage, die Fans von Ostwind an mich haben ist immer: kannst du reiten? Hast du ein eigenes Pferd? Und wenn ich ehrlich bin, müsste ich auf beide Fragen antworten: ein Bisschen. ich kann ein bisschen reiten. Und mein Pferd ist ein Pony – also nur ein bisschen Pferd.

Aber vielleicht fange ich am Anfang der Geschichte an: als ich vor einigen Jahren das Drehbuch zum ersten Ostwind Film „Ostwind- Zusammen sind wir frei“ schrieb, hatte ich keine Ahnung von Pferden. Aber ich erinnerte mich gut an diesen Traum, den ich als Mädchen hatte: mich einfach auf den Rücken eines wilden Pferdes zu schwingen und los! In meinem Traum waren mein Pferd und ich eine verschworene Einheit, es vertraute mir und ich konnte ganz selbstverständlich auf seinen Rücken steigen – und mich vor allem darauf halten, wenn es losgaloppierte. Es war nicht schwer, daraus eine Geschichte zu machen. Die Geschichte von einem trotzigen Mädchen, dass nicht reiten kann und dann entdeckt, dass sie die natürliche Gabe hat, Pferde zu verstehen. Und als ich die Gage für das fertige Drehbuch bekam, erfüllte ich mir meinen Traum: ich kaufte mir ein eigenes Pferd. Wilde schwarze Andalusier Hengste waren leider gerade nicht im Angebot, deshalb wurde es am Ende ein braunes Island-Pony mit Kugelbauch. Ich nannte es Penny und am Liebsten hätte ich mich sofort auf ihren Rücken geschwungen, hätte die Arme ausgebreitet und wäre mit ihr in den Sonnenuntergang geflogen. Und ziemlich genau in diesem Moment musste ich unsanft aus meinen Traum aufwachen. Denn Penny wollte nicht mit mir in den Sonnenuntergang reiten. Penny wollte überhaupt nirgends mit mir hinreiten, sie wollte bei ihren Pferdefreunden bleiben und mit ihnen über die Koppel toben.

Um es vorweg zu nehmen: wir beide haben schließlich gelernt, Kompromisse zu machen. Und überhaupt haben wir viel von einander gelernt. Denn unsere Beziehung ist ja nicht ganz unproblematisch: ich bin ein Mensch und damit im Grunde ein Jäger. Ich kann mich mit Sprache verständlich machen und kann Gefahren mit meinen Verstand einschätzen. Penny dagegen ist im Grunde ein Beutetier. Ihr erster Instinkt ist immer: Flucht. Sie „spricht“ ausschließlich mit ihrem Körper und reagiert deshalb sensibel auf feinste Veränderungen in ihrer Umwelt. Ein unschuldiger Holzstapel am Wegesrand kann da eine heftige Krise auslösen und der gelbe Wasserschlauch in meiner Hand ist ihrer Überzeugung nach ganz sicher eine Boa Constrictor. Unser Verhältnis war also zunächst voller Missverstände. Wenn sie nach dem Aufsteigen zu schnell loslief, hielt ich mich natürlich an ihr fest. Und Penny dachte: „Ah. Du willst schneller? Kein Problem!“ Ich klammerte mich an sie. „Stopp! Ho! Nicht so schnell!“ Penny verstand: „Wow, noch schneller. Okay!“ Erst wenn ich mich entspannte, locker lies und tief durchatmete – was auf einem rasenden Pony nicht wirklich einfach ist- hielt sie an. Oder auch nicht. Je nach Tagesform. Und langsam begriff ich: genau so wenig wie Penny mit Ostwind gemein hat, bin ich wie Mika. Ich habe keinen sechsten Sinn für Pferde, ich kann sie nicht, wie Mika, intuitiv verstehen. Wir beide mussten uns also statt dessen langsam und geduldig einander annähern, mit Rückschlägen wie Fortschritten. Aber vielleicht macht mir die Freundschaft zu diesem besonderen Wesen gerade deshalb so viel Spaß: weil ich mich auf jemanden einlassen muss, der ganz anders ist als ich. Weil es unglaublich schön ist, wenn es gelingt, sich über die Grenze unserer Art hinweg zu verständigen. Und weil sich die Anstrengung am Ende lohnt und wir dann doch zusammen in den Sonnenuntergang fliegen. Hoffentlich. Vielleicht. Irgendwann.